Geotechnische Prozesse
Das Unglück von Nachterstedt vom 18.07.2009

Anmerkungen zur Präsentation von Zwischenergebnissen von Dr.-Ing. Michael Clostermann am 06.12.2010
zu den Versagensursachen des Nachterstedter Böschungssystems
Zitate zur Präsentation von Untersuchungsergebnissen (06.12.2010) durch den vom Landesamt für Geologie und Bergwesen (LAGB) beauftragten Gutachter, Dr.-Ing. Michael Clostermann, genauer Wortlaut der PM siehe www.lmbv.de, [3]
Zitate von: 06.12.2010, 16:10 Uhr; Magdeburg (dapd-lsa) [1] sowie HENDRIK KRANERT-RYDZY UND ALEXANDER SCHIERHOLZ, 06.12.10, 16:01h, aktualisiert 06.12.10, 22:44h (Magdeburg/MZ) [2 und 3]: "Nach dem derzeitigen Kenntnisstand müssen alle Kippenböschungen im Tagebaurestloch Nachterstedt als in ihrer Standsicherheit gefährdet angesehen werden. Deshalb sind alle Untersuchungen zur Ursachenfindung unter größter Vorsicht und mit allen erdenklichen möglichen Sicherungsmaßnahmen für Mensch und Gerätschaft durchzuführen“, teilte der vom Landesamt für Geologie und Bergwesen (LAGB) beauftragte Gutachter, Michael Clostermann, über eine PM am Montag in Magdeburg mit. „Laut den Untersuchungsergebnissen hat es drei Phasen der Böschungsbewegung gegeben. Clostermann sprach von Strömungen unter der Wasseroberfläche, die bei der Sanierung des ehemaligen Kippengeländes nicht berücksichtigt worden seien. Dadurch sei die sogenannte Stützkippe, die die Böschung sicherte, abgetragen worden. Dieser Prozess kann bereits lange Zeit vor dem Ereignis eingesetzt haben und die Funktionstüchtigkeit der Stützkippe kontinuierlich reduziert haben.“, [1]
Das Zitat aus der PM [3] dazu lautet:
„Diese Hauptbewegungsrichtungen deuten auf drei Phasen der Böschungsbewegung hin. In der ersten Phase hat eine Materialumlagerung unterhalb des Wasserspiegels stattgefunden, die derzeit als Abtrag der Stützkippe vor dem Rutschungsbereich mit erneuter Ablagerung des Materials vor der Südwestböschung gedeutet wird. Dieser Prozess kann bereits lange Zeit vor dem Ereignis eingesetzt haben und die Funktionstüchtigkeit der Stützkippe kontinuierlich reduziert haben. In der zweiten Phase könnte ein lokaler Böschungsbruch im westlichen Teil des Rutschungsbereichs aufgrund des Versagens der Funktionstüchtigkeit der Stützkippe eingetreten sein. Die dritte Phase wäre dann durch dieses Ereignis indiziert und hätte damit den östlichen Rutschungskessel verursacht.“

Anmerkung M. Lersow:      (Eine Zusammenstellung von Belegen finden Sie hier - bitte click hier)
Das nachfolgende Modell zeigt das Versagen der Nachterstedter Böschung im flachen Teil (Stützkippe, Stützanschüttung etc.), die regelkonform mit einer Neigung von ≤ 1/10 errichtet wurde. Allerdings wird hier als wesentliche Ursache der Abfluss der rückgestauten Böschungswässer über diese Böschungskontur (Stützanschüttung) herausgestellt, wodurch erhebliche Teile der Böschung in das Tagebaurestloch (TRL) abflossen und es wird der Zeitraum grob zwischen 2007 und 18.07.2009 eingegrenzt. Ob es sich dabei um einen „langen Zeitraum“ handeln könnte, soll nicht weiter kommentiert werden. Dass mit dem folgenschweren Ereignis wesentliche Teile der Stützanschüttung in das TRL abflossen (Phase 3), dürfte unstrittig sein, siehe auch hydraulischer Grundbruch. Dass es bereits vor dem Ereignis sichtbaren Böschungsaustrag gegeben hat (Phase 1), ist umfänglich dokumentiert, siehe auch Belege unten und hydraulischer Grundbruch. Dies als „schleichenden“, lange vor dem Ereignis einsetzenden Prozess zu beschreiben, steht in keinem Widerspruch zum vorgelegten Modell. In dem hier vorgelegten Modell wird ausserdem das Anlegen eines versteckten Damms in der Stützkippe und das Errichten einer Stützwand, durch Einschlagen von Pfählen, als seeseitige Begrenzung der Nachterstedter Slippanlage herausgestellt. Mit jedem Rammschlag wurde eine erhebliche dynamische Belastung (kleines „Erdbeben“, seismisches Initial) in die Böschung eingetragen. So wurde der Lockergesteinskörper in der Umgebung mit jedem Rammschlag angeregt. Dynamische Anregungen (in diesem Falle seismische Initiale) führen immer zu Gefügeänderungen und insbesondere zur Änderung des Porenwasserdrucks im Lockergesteinskörper, dies ist auch unstrittig. Der von Herrn Clostermann beschriebene „lokale Böschungsbruch im westlichen Teil des Rutschungsbereichs“ grenzt unmittelbar an die Slippanlage und sollte daher auf die beschriebenen dynamischen Wirkungen im Nachterstedter-Böschungssystem (Phase 2) zurückgeführt werden können. Die Anordnung der verschiedenen Böschungsabbrüche und die natürlichen Tracer können Beleg dafür sein. Im vorgelegten Modell sind bisher keine Phasen des Zustandes der Böschung vom Übergang der stabilen Böschung zum Versagen vorgesehen, allerdings auch nicht ausgeschlossen, das Ergebnis selbst wird dadurch nicht beeinflusst. Den abgelaufenen Prozess, das Ereignis eingeschlossen, über Wirkungen und Widerstände nachzubilden, ist aber angeraten, weil damit die so gewonnene Abbildung, auch durch Eurocodes und DIN, an Verbindlichkeit, Transparenz und Plausibilität gewinnt .

Diese Aussagen sind keine Kritik an der Präsentation der oben aufgeführten Untersuchungsergebnisse, sondern eine etwas andere Darstellung mit modifizierten Ursachen, mit dem gleichen Ergebnis!!!  Dies hier herauszustellen, berücksichtigt lediglich den Duktus der bisherigen notwendigen,  öffentlichen Diskussion darüber (siehe auch Öffentlichkeitsbeteiligung) und sind ein Beitrag dazu.

Allerdings ist es schon erstaunlich, dass das definierte Raster von verschiedenen Untersuchungsmethoden nicht abgegriffen wird. Zumindest ist dies bisher aus den dargestellten Zwischenergebnisse so nicht zu erkennen. So könnten mit Tracerversuchen die Herkunft der aus den verschiedenen Böschungsbereichen austretenden, beladenen Wässer zuverlässig nachgewiesen werden. Ein Profilvergleich könnte zeigen, wie diese sich bilden und woher diese stammen. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass ein digitales Grundwasserinformationssystem im Bereich des TRL Nachterstedt geführt wird, bzw. geführt worden ist. Aus diesem könnten u.a. entnommen werden:
- Isohypsen des Grundwasserspiegels der verschiedenen GWL
- Isohypsen der Grundwasser-Druckfläche der verschiedenen GWL
- Fliessrichtung des Grundwassers der verschiedenen GWL (siehe auch Tracerversuche bzw. Luftbildaufnahmen untenstehend)
- Karst- oder Kluftwasserverbindungen
- etc.
Läge dies vor, wird ein Vor- und Nachereignisvergleich umfängliche Aufschlüsse über den Ereignisverlauf spekulationsfrei liefern.

Um die Relevanz dieser Aussagen zu untermauern, wird nochmals aus der PM von Dr.-Ing. Clostermann zitiert, [3]:
„Veröffentlichte und in den Archivunterlagen vorhandene Luftbildaufnahmen des Concordiasees zeigen zu verschiedenen Zeitpunkten Eintrübungsfahnen im östlichen und südöstlichen Böschungsbereich. Diese Eintrübungen unterhalb des Seewasserspiegels konnten bis 2004 zurückverfolgt werden und halten auch bis heute an. Durch einen digitalen Abgleich mit dem 3D-Modell des Altbergbaus lässt sich hier ein möglicher Zusammenhang und somit ein weiterer Hinweis auf potenziell hydraulisch wirkende Verbindungen konstruieren.“
M. E. Die „Eintrübungsfahnen“ (siehe auch innere Erosion und innere Suffosion - hydraulischer Grundbruch), die aus dem Nachterstedter Böschungssystem austretenden, beladenen Wässer, treten auch aus dem südwestlichen Böschungsbereich aus, siehe Luftbildaufnahmen.  Diese Wässer können allerdings nur aus den Böschungsbereichen austreten, in denen keine Barrieren errichtet worden bzw. werden wieder austreten, wenn die Barrieren beseitigt sind (siehe Luftbildaufnahmen nach dem Ereignis vom 18.07.2009). M. E. sie können auch erst dann unterhalb des Seewasserspiegels sichtbar werden, wenn die Austrittsstelle dieser Wässer unterhalb des Seewasserspiegels liegt. Es besteht also ein direkter Zusammenhang zwischen Einstauhöhe (Seewasserspiegel) und dem Rückverfolgungszeitraum. Das vorgelegte Modell zeigt im Nachterstedter Böschungssystem zwei GWL, wobei der obere, GWL 63, dem Concordiasee über diesen Böschungsbereich zusitzt. Ein Vergleich der Entwicklung des Seewasserspiegels mit den Profilen des Nachterstedter Böschungssystems offenbart zweifelsfrei, wann der GWL 63 unterhalb des Seewasserspiegels trat und aus welchen Böschungsschichten die Wässer beladen wurden (Farbe der Eintrübung). Diese natürlichen Tracer zeigen weiter die Fliessrichtung der Wässer an. Dass die Austritte aus den einzelnen Böschungsbereichen unterschiedliche Fliessrichtungen zeigen, geben die natürlichen Tracer anschaulich wieder. Sie zeigen aber auch, dass sich die Eintrübungsfahnen später vereinigen. Die Art und Weise der Sedimentation des ausgetragenen Böschungsmaterials als auch der Ort der Ablagerung auf der TRL-Sohle bzw. auf Teilen der Stützanschüttung lassen wenig Deutungsspielraum. Werden diese Wässer aufgefangen, können sie ausserdem leicht und zweifelsfrei analysiert werden, deren Herkunft ist also eindeutig. Die avisierte Probenahme auch von Sedimentationsmaterial mit begleitenden CPT holen diese Untersuchungen nun nach (Phase 4).

Dass die Verantwortlichen die derzeitige Gefahrensituation für Mensch und Gerätschaft im und um das Tagebaurestloch Nachterstedt nach erfolgten umfänglichen Sanierungsmaßnahmen als äußerst bedenklich und nach ihrem derzeitigen Kenntnisstand, alle Kippenböschungen in ihrer Standsicherheit als gefährdet ansehen, muss die Öffentlichkeit betroffen machen. Dies würde bedeuten, dass zu Beginn der Sanierungsmaßnahmen diese nach anderen Sicherheitskriterien durchgeführt wurden als heute bei den Untersuchungen zur Ursachenfindung und möglicherweise auch zukünftig bei der Sanierung des Schadensgebietes angelegt werden. Da diese Gefährdungseinschätzung, wie geschehen, auf alle Kippenböschungen des Sanierungsgebiets der LMBV ausgedehnt werden sollte, unterstellt in letzter Konsequenz, dass die eingesetzten Steuermilliarden nicht auftragsgerecht verausgabt wurden.
Das wird hier bezweifelt und sollte sich auch nicht bewahrheiten.  
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Die Luftbildaufnahmen und die Anmerkungen zur Präsentation von Zwischenergebnissen oben sind in diese Seite eingefügt, letzte Bearbeitung: 12.01.2011
Einige Belege zum Modell: Tagesbrüche, Auswaschungen, Wasseraustritte an den Böschungen und auf dem Böschungsplateau, Grabenbrüche und -spalten, Gundwasserstände bis 106 mNN , ober Flur, Grundwasseraustritte mit natürlichem Tracer über die Böschung und die TRL-sohle, abgeriegelte Bereiche und und und ...? Ein Beitrag zur Aufklärung des Ereignisses vom 18.07.2009
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